Vom Fasten zur modernen Keto-Ernährung

Die ketogene Ernährung wirkt auf viele Menschen wie ein modernes Ernährungskonzept. Keto, Ketone, MCT-Öl und metabolische Flexibilität – Begriffe, die heute in sozialen Medien, Podcasts und Fitness-Communities allgegenwärtig sind.

Doch die Geschichte der Ketose reicht wesentlich weiter zurück.

Die moderne Keto-Ernährung ist keine neue Erfindung. Sie ist vielmehr die wissenschaftliche Weiterentwicklung eines Stoffwechselzustands, den der menschliche Körper seit Jahrtausenden kennt: des Fastens.

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1. Die historischen Wurzeln: Fasten und Epilepsie

Hippokrates und die „heilige Krankheit“

Bereits in der Antike beschäftigten sich Ärzte mit der Epilepsie. Der griechische Arzt Hippokrates (ca. 460–370 v. Chr.) stellte sich gegen die damals weit verbreitete Vorstellung, Epilepsie sei eine übernatürliche oder göttliche Erkrankung.

In der hippokratischen Medizin wurde die Krankheit zunehmend als körperliches Phänomen betrachtet. Historische Quellen berichten zudem über die Bedeutung von Nahrung und Fasten in der Behandlung verschiedener Erkrankungen.

Die Idee dahinter war bemerkenswert: Wenn sich der Körper durch eine Veränderung der Ernährung verändert, kann sich möglicherweise auch die Krankheit verändern.

Heute wissen wir, dass längeres Fasten den Stoffwechsel deutlich verändert. Die Insulinspiegel sinken, die Fettverbrennung steigt und der Körper beginnt, zunehmend Ketonkörper zu bilden. Das Gehirn kann diese Ketonkörper als Energiequelle nutzen. (ScienceDirect)

Fasten in Religion und Medizin

Fasten spielte und spielt in vielen Kulturen eine wichtige Rolle, sowohl aus religiösen als auch aus gesundheitlichen Gründen. Die Bibel berichtet beispielsweise über längere Fastenzeiten, unter anderem im Zusammenhang mit Moses und Jesus.

Die religiöse Bedeutung des Fastens ist dabei von der modernen physiologischen Erklärung zu unterscheiden. Dennoch ist bemerkenswert, dass längere Fastenperioden einen Stoffwechselzustand auslösen, den wir heute als Ketose bezeichnen.

Während des Fastens werden zunächst die Glykogenspeicher geleert. Anschließend steigt die Nutzung von Körperfett und die Leber produziert zunehmend Ketonkörper. Fasten und Ketose sind daher metabolisch eng miteinander verbunden. (PubMed)

2. Fasten im Mittelalter und in der frühen Neuzeit

Auch im Mittelalter wurde Fasten als therapeutisches Mittel eingesetzt.

Der persische Arzt und Gelehrte Avicenna (980–1037) beschrieb in seinem medizinischen Werk Der Kanon der Medizinverschiedene Ansätze zur Behandlung von Epilepsie. Die damalige Medizin war selbstverständlich nicht mit der modernen klinischen Medizin vergleichbar, doch die Geschichte zeigt: Die Verbindung zwischen Ernährung, Fasten und Gesundheit ist keineswegs neu. (PMC)

Die zentrale Frage blieb über Jahrhunderte dieselbe: Kann eine gezielte Veränderung des Stoffwechsels Krankheiten beeinflussen?

3. William Banting: Low Carb im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert erlebte die kohlenhydratarme Ernährung eine erste große Popularitätswelle.

Der Engländer William Banting veröffentlichte 1863 seine berühmte Schrift Letter on Corpulence, Addressed to the Public. Darin beschrieb er, wie er durch eine Ernährungsumstellung Gewicht verlor.

Seine Ernährung reduzierte insbesondere Zucker, Stärke, Brot, Kartoffeln und Bier. Stattdessen standen unter anderem Fleisch, Gemüse und bestimmte fettreichere Lebensmittel auf seinem Speiseplan.

Banting verlor nach eigenen Angaben deutlich an Gewicht und machte seine Erfahrungen öffentlich. Seine Schrift wurde zu einem frühen Beispiel für eine systematische kohlenhydratreduzierte Ernährung zur Gewichtsabnahme. (Wikimedia Commons)

Auch wenn Bantings Ernährung noch keine moderne ketogene Ernährung im heutigen Sinne war, enthielt sie ein Prinzip, das später eine zentrale Rolle spielen sollte: Weniger Kohlenhydrate verändern den Stoffwechsel.

4. Die Geburtsstunde der „ketogenen Diät“

Der entscheidende Durchbruch kam Anfang des 20. Jahrhunderts.

In den 1920er-Jahren untersuchte der Arzt Dr. Russell Wilder an der Mayo Clinic die Auswirkungen des Fastens auf Epilepsie.

Wilder stellte sich eine entscheidende Frage:

Wenn Fasten bei manchen Patienten die Anfallshäufigkeit reduziert – lässt sich derselbe Stoffwechselzustand auch durch eine bestimmte Ernährung erzeugen?

Seine Antwort war die ketogene Diät.

1921 prägte Wilder den Begriff „ketogenic diet“. Sein Konzept sollte den Stoffwechsel des Fastens nachahmen, ohne dass die Patienten tatsächlich über längere Zeit vollständig auf Nahrung verzichten mussten.

Dazu wurde die Kohlenhydratzufuhr drastisch reduziert und der Fettanteil deutlich erhöht.

Das Ergebnis: Der Körper beginnt, Fett abzubauen und Ketonkörper zu produzieren.

Die Ernährung sollte damit den Stoffwechselzustand des Fastens imitieren – und genau daraus entstand die moderne ketogene Diät. (ScienceDirect)

5. Keto als Therapie gegen Epilepsie

In den 1920er- und 1930er-Jahren wurde die ketogene Ernährung zunehmend zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt.

Besonders bei Kindern mit schwer behandelbaren epileptischen Erkrankungen konnte die Ernährung die Anfallshäufigkeit deutlich reduzieren.

Mit der Entwicklung immer neuer Medikamente gegen Epilepsie verlor die ketogene Ernährung jedoch zeitweise an Bedeutung.

Die Medizin verfügte nun über Medikamente, die einfacher zu verordnen waren. Die ketogene Ernährung war dagegen aufwendig, streng und erforderte eine sorgfältige Planung.

Doch die Therapie verschwand nie vollständig.

Heute ist die ketogene Ernährung weiterhin eine etablierte Option bei bestimmten Formen der medikamentenresistenten Epilepsie, insbesondere bei Kindern. Sie wird dabei in der Regel medizinisch und ernährungstherapeutisch begleitet. (Epilepsy Foundation)

6. Charlie Abrahams: Die Geschichte, die Keto zurückbrachte

Eine der bekanntesten Geschichten in der modernen Geschichte der ketogenen Ernährung ist die von Charlie Abrahams.

Charlie litt an einer schweren Epilepsie, die auf mehrere Medikamente nicht ausreichend ansprach. Nachdem die konventionellen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft waren, wurde sogar eine Operation in Betracht gezogen.

Sein Vater, der Hollywood-Regisseur Jim Abrahams, begann daraufhin selbst intensiv zu recherchieren.

Dabei stieß er auf die ketogene Ernährung und ihre Geschichte als Epilepsietherapie.

Charlie begann 1994 mit einer ketogenen Ernährung. Nach Angaben der Charlie Foundation ging die Zahl seiner Anfälle innerhalb kurzer Zeit, also Tagen, drastisch zurück. Schließlich wurde Charlie anfallsfrei.

Diese Erfahrung veränderte nicht nur das Leben der Familie Abrahams, sondern trug dazu bei, die ketogene Ernährung wieder stärker in das öffentliche und medizinische Bewusstsein zu bringen.

Jim Abrahams gründete daraufhin die Charlie Foundation, die sich bis heute für die Erforschung und Anwendung ketogener Ernährungstherapien einsetzt.

1997 wurde die Geschichte zudem durch den Film First Do No Harm mit Meryl Streep einem breiten Publikum bekannt. (Charlie Foundation)

7. Von der Epilepsietherapie zur Stoffwechselmedizin

Heute wird die ketogene Ernährung längst nicht mehr ausschließlich im Zusammenhang mit Epilepsie untersucht.

Die Forschung beschäftigt sich unter anderem mit möglichen Anwendungen bei:

      • Typ-2-Diabetes

      • Insulinresistenz

      • metabolischem Syndrom

      • Übergewicht

      • Fettlebererkrankungen

      • bestimmten neurologischen Erkrankungen

      • bestimmten seltenen Stoffwechselerkrankungen

Bei Typ-2-Diabetes zeigen Studien, dass eine deutliche Kohlenhydratreduktion bei vielen Menschen zu einer verbesserten Blutzuckerkontrolle und zu einer Reduktion des Medikamentenbedarfs führen kann. Das ist jedoch individuell und sollte bei bestehender Medikation ärztlich begleitet werden.

Auch bei neurologischen Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson wird die Rolle von Ketonkörpern als alternative Energiequelle für das Gehirn erforscht. Die Ergebnisse sind interessant, aber die ketogene Ernährung ist in diesen Bereichen nicht mit einer etablierten Standardtherapie gleichzusetzen. (Epilepsy Foundation)

8. Keto und Krebs – ein spannendes Forschungsgebiet

Auch die Krebsforschung beschäftigt sich mit dem Stoffwechsel von Tumorzellen und der Frage, ob eine ketogene Ernährung bestimmte Standardtherapien unterstützen könnte.

Die wissenschaftliche Grundlage dieser Forschung ist unter anderem die Beobachtung, dass viele Tumorzellen einen besonders hohen Glukosebedarf besitzen. Daraus entstand die Hypothese, dass eine Veränderung des Stoffwechsels therapeutisch genutzt werden könnte.

Allerdings ist die Forschung hier noch nicht so weit, eine ketogene Ernährung allgemein als Krebsbehandlung zu empfehlen.

Es gibt interessante präklinische Daten und erste klinische Untersuchungen, doch die Ergebnisse sind je nach Krebsart, Therapie und Patient sehr unterschiedlich.

Keto kann in diesem Bereich ein Forschungsansatz sein – aber kein Ersatz für eine etablierte Krebstherapie.

9. Was die Geschichte uns heute zeigt

Die Geschichte der ketogenen Ernährung ist bemerkenswert.

Was heute als moderne Lifestyle-Ernährung erscheint, basiert auf einem sehr alten biologischen Prinzip: Wenn keine oder nur wenige Kohlenhydrate zur Verfügung stehen, kann der menschliche Körper seine Energieversorgung auf Fett und Ketonkörper umstellen.

Dieser Stoffwechselzustand wurde zunächst durch Fasten beobachtet.

Später wurde er medizinisch bei Epilepsie genutzt.

Dann geriet die ketogene Ernährung zeitweise in Vergessenheit.

Und heute erlebt sie eine Renaissance.

Nicht nur als Ernährungsform zur Gewichtsreduktion, sondern als Forschungsgebiet der modernen Stoffwechselmedizin.

Unser Fazit

Die Geschichte der Keto-Ernährung ist keine Geschichte eines kurzfristigen Ernährungstrends.

Sie beginnt mit dem uralten Prinzip des Fastens, führt über die Beobachtungen antiker Ärzte, die Low-Carb-Ernährung des 19. Jahrhunderts und die medizinische Forschung der 1920er-Jahre bis in die moderne Stoffwechselwissenschaft.

Dr. Russell Wilder gab dem Konzept 1921 seinen Namen: ketogene Ernährung.

Heute wissen wir, dass Ketonkörper nicht bloß ein zufälliges Nebenprodukt des Hungerns sind. Sie sind leistungsfähige Energieträger und ein normaler Bestandteil des menschlichen Stoffwechsels.

Die ketogene Ernährung nutzt diese Fähigkeit gezielt.

Und vielleicht liegt genau darin ihre größte Bedeutung:

Keto ist keine Erfindung der Moderne. Es ist die moderne Wiederentdeckung einer uralten Fähigkeit unseres Körpers.
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